Fahrerlaubnis 10/2022 (3/3)

Zunächst ein kurzer „Zwischenruf“, um manches verständlicher zu machen. In allen Prozessen wird uns gesagt, was wir vorbereitend brauchen, und dann wird mit uns dort hingegangen. Aber was dort auf uns zukommt und wie es ablaufen wird, ist völlig unklar – das machen wir schon!

Nun also war es soweit – wir sollten am Freitag zur Zulassungsstelle, um dort den nationalen Führerschein abzuholen – so wurde es gesagt.

Allerdings rief uns Mariatu, „unsere“ Sachbearbeiterin, am Abend vorher an und teilte uns mit, dass ihre Cousine verstorben sei, die Beisetzung am Freitag stattfindet und sie an diesem Tag nicht auf der Arbeit ist.

Kommt also am Montag um 9 Uhr! So gesagt und gemacht. Ach ja, sie teilte uns noch mit – oder vielmehr Ralf und Amadu (unserem Fahrer) – wir sollten lange Hosen tragen – kurze Hosen sind auf dem Amt nicht erlaubt. Nun vielleicht erklärt das ja das etwas widrige Verhalten der anderen Dame vor Ort?

So machten wir uns am Montag kurz nach 8 Uhr zu dritt auf den Weg in die Innenstadt zur Zulassungsstelle – natürlich in langen Hosen (schwitz). Wir trafen pünktlich zu 9 Uhr dort ein und gingen davon aus, spätestens gegen Mittag wieder zu Hause zu sein, da Christina noch Vorlesung hatte und wir ja „nur“ zum Abholen der Führerscheine vorbeikommen. Sollten wir also schaffen  dachten wir!

Auf dem Weg nach Freetown – Kissiroad

Auf dem Gelände der Zulassungsstelle herrschte schon reger Betrieb und wir machten uns auf die Suche nach Mariatu, unserer freundlichen Sachbearbeiterin.

Nach einer Viertelstunde erfuhren wir, dass die alle gerade in einem Meeting sind und wir uns ein klein wenig gedulden sollten. Na also warten können wir – haben wir gelernt!

Als sie dann nach 30 Minuten kam, lotste sie uns zu einem Gebäude, vor dem wir erstmal warten sollten. Auch dort war noch ein Meeting im Gange. Nach weiteren 30 Minuten wurden wir in ein Büro gebeten. Christina nahm vor dem dortigen Sachbearbeiter Platz und Ralf in der Wartereihe dahinter.

Der Sachbearbeiter war ruhig, nahm Christinas Daten auf und machte dann etwas am PC. Währenddessen ging es in diesem kleinen Büro wie in einem Taubenschlag zu. Ein Kommen und Gehen und der Sachbearbeiter war Dreh- und Angelpunkt in allem. Leute wurden rein und zu ihm gebracht – Mitarbeiter wollten dies und das – er war offensichtlich der einzige, der Antworten geben konnte – und eins nach dem anderen zu erledigen, war überhaupt nicht möglich. Wir bewunderten seine Ruhe und den Überblick, den er hatte. Seine gehobene Position hatte er wohl zu Recht – ihn konnte nichts erschüttern.

Hier ist eine Trinkwasserfabrik in der Nähe und so stehen links und rechts Verkaufsstände, die Trinkwasser anbieten.

Irgendwann gab er Christina einen A4 Bogen – vorne und hinten bedruckt. Und jetzt dämmerte uns, wo wir da gerade waren – beim Eignungstest! Wir hatten hier den Fahrschuleignungstest in Händen, sollten diesen vor seinen und aller anderer Augen ausfüllen und erhielten dann Yes or No!

Nun fingen wir doch das schwitzen an – zum einen kam das unvorbereitet (keiner hat auch nur einen Deut erwähnt, was uns erwartet) und zum anderen war der Bogen komplett auf Englisch. Außerdem mussten wir beim Ausfüllen überlegen, ob die Antworten sich auf Theorie (wie es sein sollte) oder Praxis (wie es hier üblich ist) beziehen.

Zum Beispiel die Frage, ob man auf einer Doppelfahrbahn auf der linken oder auf der rechten oder auf beiden Seiten fahren kann. Ralf verstand die Frage so, auf welchem Fahrstreifen man bei einer vierspurigen Straße fährt – die Praxis sieht so aus, das jeder immer den linken Fahrstreifen nimmt, weil der rechte regelmäßig durch Taxis, parkende oder liegengebliebene Autos blockiert ist. Aber tatsächlich gab es die Theorie, und die war gefragt! Antwort: Die rechte Spur war richtig! Ralf hat sich auf die Praxis bezogen – also falsche Antwort.  

Also alles fährt links und dem Transport sind keine Grenzen gesetzt – das Fahrzeug ist auch innen voll besetzt! Soviel zu Theorie und Praxis

Die Fahrerlaubnis von Amadu unserem Fahrer war auch abgelaufen und so war er auch hier, um diese zu erneuern, allerdings an anderer Stelle. Wir beantragten zum ersten Mal einen Führerschein, bei ihm geht es um eine Verlängerung. Allerdings für 1.000 Leones – wie sollte er das nur schaffen??

Nach einer Weile kam er wieder zu uns und teilte uns mit, dass er durch den Eignungstest gefallen ist. Und? Er bräuchte etwas Geld! Ich bin sicher, man konnte die Fragezeichen in unserem Gesicht gut lesen! Also wenn er dem Prüfer 50 Leones gibt, dann würde er den Test bestehen. Es war ihm offensichtlich sehr unangenehm, aber wir wissen, dass sich kaum einer von ihnen diese Summen leisten kann.

Wir sind uns sehr sicher, dass Amadu den Test nur deshalb nicht bestanden hat, weil er Analphabet ist – er kann einfach nicht lesen und schreiben, was hier und in seiner Generation und sozialen Schicht keine Seltenheit ist. Er ist ein versierter, guter und sicherer Fahrer und ein grandioser Mechaniker. An seinem Wissen hat es sicherlich nicht gelegen. Sehr vielen wäre geholfen, wenn es die Möglichkeit gäbe, den Test vorzulesen. Aber da es diese Möglichkeit nicht gibt, gibt es eben Plan B.

Auch wir beide haben nicht alle Fragen richtig beantwortet, aber mit 90 % richtigen Antworten sind wir ein bisserl stolz bestanden zu haben. Wenn aber nicht, gäbe es ja immer noch Plan B – das haben wir auch nebenher im Büro beobachtet – ein Umschlag mit „was“ drin, welcher den Besitzer wechselte und uns nun klar wurde, wofür.  

Plan B

Nach einer guten Stunde lotste uns Mariatu dann zu einem anderen Büro, welches schon voller wartender Menschen war. Wir sollten darum erstmal im Nebenraum warten. Während unserer Wartezeit lasen wir uns die Papiere, die wir erhalten hatten durch. Das waren zum einen alle Kopien unserer bisherigen Dokumente (deutscher und internationaler Führerschein, Meldebescheinigung, Aufenthaltsgenehmigung, Reisepass), dann auch der Eignungstest und schließlich auch ein Bewertungsbogen für eine geleistete praktische Fahrprüfung(?). Eine solche haben wir nie gemacht, aber der Sachbearbeiter hat das einfach ausgefüllt … und natürlich haben wir bestanden. Nur hat Christina leider das mit dem Einparken nicht ganz hinbekommen, so die Einschätzung des Sachbearbeiters. Naja Frauen und fahren eben! Allerdings muss Mann bekennen, Christina kann gut einparken und nein – Ralf muß das jetzt nicht schreiben!!

Nach guten 30 Minuten Warten ging es für uns in den eigentlichen „Warteraum“. Überall wird hier auf Bänken oder Stühlen an der Wand gesessen und immer aufgerückt, wenn eine Person fertig war, auch hier. Wir saßen dann immer zu viert auf einer dreier Bank – man kommt sich nah.

Während wir da so warteten, ging auf einmal nichts mehr weiter. Keiner sagte was, aber man nahm die Unruhe war und über 30 Minuten kam keiner mehr aus dem Nebenraum – welcher das Ziel dieser Übung war.

Irgendwann erzählten sie das das Blitzlicht defekt war und repariert werden muss. Zudem war das System zusammengebrochen und musste neu hochgefahren werden. Im Raum wurde es zunehmend hektisch und laut. Auch hier war ein Kommen und Gehen – Drängeln – Menschen, Menschen, Menschen.

Mittlerweile war klar, dass Christina es nicht zu ihren Vorlesungen schaffen würde und so sagte sie telefonisch dem Rektor Bescheid – der es leider nicht den Studenten weitersagte. Je länger es dauerte und wir nicht wussten, was da heute noch alles auf uns wartet, umso mehr wuchs in uns der Gedanke: Das wird heute nichts mehr mit dem Führerschein und wir müssen wahrscheinlich noch mal hier her kommen. 

Als es dann nach weiteren 45 Minuten doch weiter ging, das System „repariert“ war, nahmen wir unser Aufrücksystem wieder auf – es geht voran.

In diesem Büro wurden alle Unterlagen auf Vollständigkeit geprüft – Christina fehlte eine Kopie des Reisepasses – und so musste Mariatu noch mal los und eine Kopie machen. Als wir an der Reihe waren, wurden alle persönlichen Daten noch mal auf Richtigkeit gecheckt und dann wurden Fingerabdrücke genommen und ein digitales Foto gemacht. Wozu wir am Anfang zwei Passbilder abgegeben haben, hat sich für uns nicht erschlossen – da hier tatsächlich Fotos digital gemacht wurden.

Beim Fotoshooting meinte plötzlich der „Fotograph“ lachend, das die Kamera  und Beleuchtung für schwarze Menschen eingestellt ist und nicht auf Weiße. Als wir den Führerschein in Händen hatten konnten wir deutlich erkennen wie blass wir rüberkommen. Der Blitz war derart hell, dass man unsere Gesichtszüge auf den Bildern kaum erkennen kann. Wir mußten alle herzhaft lachen.

Der sieht doch richtig gut aus – oder? Also der Führerschein …

Fertig – nun sollten wir „irgendwo“ weiter oben hin – was auch immer das heißen mag. Wo das ist, sagte uns keiner – nur raus und weiter. Ein freundlicher Mann von der Security nahm sich unser an und führte uns zu einem Gebäude auf dem „Cafeteria“ stand. Auf dem Weg dorthin erzählte er uns immer wieder, wie schwer und viel er jetzt schon seit zwei Wochen für uns arbeitet – er erinnerte sich an uns vom letzten Mal, als er uns einen Parkplatz zugeteilt hatte! Na, da hatte jemand Vorstellungen und Hoffnungen! Brachte er uns zur Cafeteria weil er Hunger hatte und wir ihm etwas kaufen sollten?

Aber nein, er führte uns in einen Raum, hier sollten wir Platz nehmen … und warten, bis wir aufgerufen werden. Da wir hier einige der bereits Wartenden vom vorigen Büro erkannten, waren wir uns sicher, hier richtig zu sein.

Ralf hat gleich den Motorradschein mitbeantragt und darf somit auch Bike und sogar ein Keke fahren – siehe A

Nach etwas Zeit wurden wir aufgerufen, um zu einer Sachbearbeiterin ins Büro zu kommen. Hier erhielten wir tatsächlich unsere Führerscheine. Wir sollten die Daten prüfen und unterschreiben, dass wir die Karten erhalten haben. Wir reklamierten nichts – selbst wenn etwas falsch gewesen wäre – never!!

Nun hatten wir noch ein letztes Problem – wir benötigten für unsere Abrechnung einen Beleg über die entstandenen Kosten. Beim ersten Mal sollten wir die Gebühr von 1600 neuen Leones bereits bei Mariatu zahlen, was wir gemacht haben. Auf die Frage nach einem Beleg verwies sie auf das nächste Treffen. Sie könnte erst einen Beleg geben, wenn sie bei der Bank gewesen sei. Nächstes Mal würden wir mit allen Dokumenten auch den Beleg für die geleisteten Gebühren erhalten.

Wir mussten ihr also das Geld geben und erhielten keinerlei Beleg darüber …

Und richtig, in allen Unterlagen haben wir Belege über Gebühren gesehen – für Christina ein Beleg über 400 Leones und für Ralf einen über 420 Leones.

Die Quittung für Christina in der Handtasche transportiert

Zwei Probleme – was war mit den restlichen 780 Leones?? Und schließlich wurden beim vorletzten Sachbearbeiter komplett alle Dokumente mitsamt Belegen einbehalten – wir hatten also gar nichts.

Ralf war wohl etwas komplizierter …

Also noch mal zu Mariatu und nach den Belegen fragen. Was, die wurden eingesammelt, das geht doch nicht?!

Ach und wir bekommen nur die Belege für die 820 Leones – der restliche Betrag ist für hier und da – ??? Das war eine ganz ernsthafte Aussage. Warum oder Wofür konnte sie uns auch nicht sagen.

Mariatu ging dann mal los, um die Belege über 820 Leones zu holen und so verschwand sie für 30 Minuten. Zurück kam sie mit dem Beleg von Ralf – der von Christina war irgendwie oder -wo – auf dem Weg verschwunden.

Und wieder ging sie los und wieder vergingen 30 Minuten. Das sie mir einen handgeschriebenen Beleg erstellt und unterschreibt – auch über den gesamten Betrag, war für sie partout keine Alternative.

Um 14.30 Uhr verließen wir schließlich das Gelände und machten uns auf den Heimweg. Was für Erfahrungen – aber dankbar den sierra-leonischen Führerschein in der Tasche – Aw de drive (Ich fahre)

Auf dem Weg zur Chappel zum Abendgottesdienst

Ach ja und die Hoffnung und Erwartungen von dem freundlichen Mann der Security erfüllten sich schließlich auch noch. 

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