Gottesdienst 14.08.2022

Diesen Sonntag war es soweit: Unser erster Gottesdienst in Sierra Leone. In der Immanuel Baptist Church of Freetown – der Gemeinde des Präsidenten vom Baptistenbund Sierra Leones.

Da der Gottesdienst um 10 Uhr beginnt, wurden wir um 9 Uhr abgeholt. Die Fahrt von Jui nach Freetwon – Kingtom dauert je nach Tag, Wetter und Verkehr eine gute Stunde. Im Moment trauen wir uns noch nicht, selbst mit dem Auto zu fahren – zum einen ist uns die Gegend völlig unbekannt und zum anderen das Fahren auf Sierra Leones … Straßen.

Egal was man so hört von afrikanischen Zeiteinheiten – der Gottesdienst begann pünktlich um 10 Uhr und dauerte exakt zwei Stunden.

Im Grunde ist der Ablauf – die Liturgie – unseren Gottesdiensten sehr ähnlich. Begrüßung – Anbetungslieder – Gebetsanliegen – Textlesung – Predigt – Kollekte – Ansagen – Verabschiedung und Segen. Ungewöhnlich für uns jedoch, dass die Pastoren, Musiker und Chorsänger die komplette Zeit erhöht vorne auf einem Podest sitzen. Auch wir wurden gebeten, dort Platz zu nehmen und bei der Begrüßung ein Grußwort zu sprechen. Da wir das wussten, hatten wir es im Vorfeld mit Nathanael besprochen. Da er das nicht wollte – nun ja als Weiße waren wir eh schon auf dem Präsentierteller und da vorne dann noch mal umso mehr – haben wir entschieden, dass Christina als „Missionarin“ alleine dort thronen sollte. Ralf blieb mit Nathanael in der zweiten Reihe.

Die Atmosphäre des Gottesdienstes war sehr freundlich – fröhlich und einladend. Zu Beginn war noch deutlich Platz und zum Ende war dann der Raum gut gefüllt – wir würden so auf 180 Menschen schätzen. Durch die Regenzeit und die teils monsunartigen Wasserergüsse waren doch etliche nicht oder später hinzugekommen.

Was für uns anstrengend ist, weil wir es in diesem Ausmaß nicht gewohnt sind, ist die Lautstärke. Schon auf der Fähre wurde uns das deutlich und es zieht sich wie ein roter Faden durch die hiesige Gesellschaft. Beginnend mit der Begrüßung –  dem Singen bis hin zur Predigt geschieht das in einer Lautstärke die sämtliches Stimmvolumen ausnutzt und durch die Technik noch zusätzlich unterstützt wird. Unsere Ohren kamen an unsere Grenzen und wir beteten im Stillen, dass der Herr ein Einsehen hat … und er hatte, kurz nach Beginn der einstündigen Predigt, die von der Pastorin gehalten wurde, fiel das Mikrofon aus – DANKE.

Das brachte der Predigerin jedoch keine Schwierigkeiten – sie war immer noch gut bis in die letzte Reihe zu hören. Ralf kam sofort sein Dozent in Sprecherziehung – Klaus Fuhrmann – vor Augen, wie er uns ermutigte unser Stimmvolumen auszubauen, falls keine Tontechnik zur Verfügung steht.

Dann kam der Moment der Kollekte. Ralf hat schon immer die Weise gefallen, dass jeder zur Kollekte nach vorne kommt und sein Geld in den Opferstock wirft – in manchen afrikanischen Gemeinden wird das mit Gesang und Tanz verbunden.

Was wir vorher schon notiert hatten: An der Seite standen drei große Rollwagen mit Aufschriften. Nun wurde zur Kollekte einer davon nach vorne in die Mitte geschoben und los ging es – geordnet – Seite für Seite – Reihe für Reihe bis zu guter Letzt auch die vom Podium ihren Gang gegangen waren. Jeder gab etwas dort hinein, begleitet von fröhlichem Gesang, Klatschen, Lachen. Dann wurde der Rollwagen zurückgeschoben.

Doch damit war es nicht vorbei – nun wurden zwei Rollwagen nach vorne geschoben. Auf dem einen stand „Männer“ und auf dem anderen „Frauen“ – also die Männlein ins rechte und die Weiblein ins Linke. Und wieder das gleiche Ritual. Zweite Kollekte. Wer nun dachte, das wars, weit getäuscht. Nun kam ein neuer Rollwagen und einige  Menschen mit Umschlägen gingen nach vorne, um diese in einen besonderen Korb zu legen – diesmal waren es deutlich weniger. Mit einem kurzen Gebet wurden sie entlassen.

Nun was sollen wir sagen, es war noch nicht das Ende. Denn nun kam der nächste Durchgang – wieder alle und das wiederholte sich dann noch einmal. So bleibt man wenigstens in Bewegung. Wir haben uns das in einer deutschen Gemeinde vorgestellt – wo manch einer eh schon kritisch anmerkt, der Kirche ginge es nur ums Geld!

Im Anschluss haben wir dann nachgefragt, wofür die unterschiedlichen Kollekten waren. Die erste war zur Erhaltung und Gestaltung von Gemeindearbeit. In der zweiten konnte man für die unterschiedlichen Projekte der Gemeinde geben – Frauen oder Männer eben. Die dritte galt Gemeindegliedern, die hier ihren 14-tägigen Zehnten gaben. Die vierte war für die Unterstützung einer Zweiggemeinde, die gerade gegründet wurde. Und die letzte war wie bei uns für die „Stille Kasse“ – eine Kasse für Menschen, die in Not geraten sind, damit man unbürokratisch und schnell helfen kann.

Nach den Kollekten wurden wir begrüßt, durften ein kurzes Grußwort sagen und es wurde für uns gebetet. Dann kamen weitere Ansagen, ein Fürbittegebet und schließlich der Segen.

Als der Gottesdienst beendet war kamen einige auf uns zu, um uns willkommen zu heißen und ihre Freude zum Ausdruck zu bringen.

Interessant zu beobachten war, dass etliche Jüngere nach vorn kamen, um Fotos von sich zu machen oder machen zu lassen. Warum? Sonntags ist man hier sehr gut gekleidet (Ralf und Nathanael hatten als einzige kein Oberhemd, sondern nur ordentliche Poloshirts an, alle Männer trugen lange Hosen und Frauen Röcke oder Kleider) und die Kirche ist eine besondere Location, hübsch gestaltet und dekoriert. So machen nicht wenige Fotos für ihr Portfolio.

Wir waren im Anschluss beim Präsidenten der Baptisten, Rev. Dr. Joseph S.  Fornah zum Mittagessen eingeladen. Er wohnt in einer ehemaligen britischen Soldatenresidenz, welche direkt am Meer liegt. Sie wurde an die EBM International übergeben und nach dem Bürgerkrieg an den hiesigen Baptistenbund. Die Lage und der Blick sind sehr beeindruckend – die Luftfeuchtigkeit allerdings sehr hoch. So gibt es zwar immer eine kühle Brise – aber gleichzeitig fühlen sich die Möbel etc. immer etwas feucht und klamm an.

Anwesen am Meer in Freetown

Als wir schließlich gegen 16.30 Uhr wieder „Zuhause“ in Jui auf dem TECT ankamen, waren wir dankbar und ob der vielen neuen Eindrücke auch erschöpft.

Zwei Merkposten für Gottesdienste gibt es: Erstens immer Gehörschutz mitnehmen und genügend Kleingeld dabei haben! In diesem Gottesdienst wurden wir mit letzterem vom Baptistenpräsidenten höchstpersönlich ausgestattet. Den wir hatten noch kein Geld – aber das ist eine andere Geschichte …..

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: