Alles Routine?!?

Im Herbst 2023 – wir waren gerade ein paar Wochen zurück in Sierra Leone – wurden wir gefragt, ob jetzt im zweiten Jahr alles vertrauter geworden ist – also Routine in den Alltag einkehrt?!

Christina mit Isata – Santigis Tocher

Ein Jahr lag ja schon zurück. Man war schon da, wusste wohin man geht, Abläufe und Umfeld sind bekannt – Menschen und Leben absehbar – könnte man ja meinen, oder?

Zu diesem Zeitpunkt, merkten wir, war uns diese Frage zu früh. Jetzt im Rückblick auf das zweite Jahr können wir besser darauf antworten.

Es stimmt, wir kennen uns besser aus – wissen ungefähr, wo wir was finden oder was teilweise auf uns zukommt oder auf uns wartet. Dennoch, von einer Routine fällt uns schwer zu reden. 

Sicher hatten wir z.B. im ersten Jahr immer wieder Stromausfälle – für Stunden und auch Tage. Aber drei Monate lang komplett ohne öffentlichen Strom mit all den Begleitumständen auszukommen – war neu.

laufend Wasser

Die Mehrnutzung des Generators brachte häufigere Reparaturen desselben mit sich und über mehrere Zeiten kein Benzin an den Zapfsäulen begrenzte zusätzlich die Nutzung des Generators.

Kein Strom, kein oder sehr schlechtes Internet über viele, viele Tage und Wochen. Wir haben viel gelesen neben dem gelegentlichen frustrierten Aufschrei, was das alles soll.

Dreimal hatten wir für 2-3 Tage kein laufend Wasser im Haus. Also mit Putzeimern zum Campusbrunnen und zurück, um Wäsche, Geschirr und uns selbst zu waschen. Für uns ungewöhnlich, für die Menschen um uns herum alltäglich. Dennoch nichts wirklich Erstrebenswertes – wir verwöhnten 1. Klasse Menschen eben ….

eine von drei Ladestationen

Das 15 Jahre alte Auto ist ein Quell täglicher Anspannung und Belastung. So wird es wohl auch weiter sein – kommen wir heil von a nach b und ist es für die notwendigen Fahrten nutzbar? Hätte Ralf doch was Anständiges gelernt – KFZ-Mechaniker zum Beispiel! So sind wir der Willkür dieser Kultur ausgeliefert – und wissen uns gleichzeitig in Gottes Hand.

Was uns im zweiten Jahr mehr als alles andere beschäftigt und belastet hat, sind die Strukturen und das Leitungsverständnis.

Wir wussten wohl, dass der Chef immer Recht hat – Leiter nie kritisiert oder in Frage gestellt werden dürfen und dass sich dies in dieser Kultur auch im christlichen Bereich so verhält.

Vielleicht liegt es daran, dass unsere ersten 100 Tage oder das erste Jahr um war – aber nun durften wir selbst intensiver in die hiesige Leitungsstruktur eintauchen – politisch, wie auch gesellschaftlich und geistlich. Und das war und ist … herausfordernd.

Politisch und gesellschaftlich ist es schmerzhaft aber nachvollziehbar. Wo Macht und Kontrolle die Regeln des menschlichen Miteinanders bestimmen – und nur eine/r das Sagen hat und es nicht Gott ist, da ist durchaus nachzuvollziehen wie Gewalt, Druck und Machtmissbrauch das Leben regeln.

Dass dies aber auch im geistlichen Bereich so ist, fiel uns deutlich schwerer zu sehen – zudem wir nun auch ein kleines Rädchen in diesem Getriebe sind.

Es ist beschämend, wenn Leiter ihre Untertanen klein halten und mit dem größten Selbstverständnis demütigen. Ja auch das kennen wir aus Europa … aus Büchern, aus längst vergangenen Zeiten.

Nun erleben wir es aus erster Hand. Wir müssen einen Weg finden wie wir damit umgehen. So schlicht wie es klingt ist es nicht. Es bringt uns an die Grenzen und darüber hinaus. Wir müssen uns an den halten, der uns hierher geführt, gelotst, gelockt hat. Es gelingt uns nur im Vertrauen, dass ER alles im Blick und Griff hat und muß doch errungen werden.

Und das erleben wir stets – kleine und große Türen, die sich öffnen und einen Ausblick geben, der froh und dankbar macht. Durch ihre Arbeit hat sich Christina großen Respekt und Ansehen erworben. Durch ihre Art und Weise entstand Vertrauen. Viele Studierende und nicht nur diese öffnen ihr Herz und ihr Leben. Gemeinsam erleben wir, wie Gott Menschen verändert, versorgt, heilt und Wunder tut. Das bereichert uns in großem Maße.

Wir erleben sehr viel Dankbarkeit und Ermutigendes – wir erleben wie Gott durch Gebete Türen öffnet und großartige Dinge schenkt, z.B. wie junge Menschen ein weiteres und tieferes Verständnis für geistliche Leitung und die Wahrheit Gottes gewinnen. Wir werden Zeugen davon, wie dies ihren Dienst als Pastoren und Leiter im Sinne Gottes prägt.

Ganze Abschnitte werden durch die Wassermassen abgetragen – hier in Freetown

Im Moment erhalten wir viele Nachrichten mit Bildern und Videos von Überschwemmungen. Es ist Regenzeit – monsunartige Wassermassen von oben sind da völlig normal. Doch in diesem Jahr, so der O-Ton von vielen, ist es mehr als üblich. Besonders schlimm hat es die Hauptstadt getroffen.

Vierspurige Autostraßen stehen einen halben Meter unter Wasser. Häuser und Wohnungen werden zu Schwimmbädern oder weggespült. Durch tagelangen heftigen Regen wissen viele Menschen gar nicht mehr wohin – wie trocken bleiben – Menschen werden mitgerissen und sterben (fast niemand kann schwimmen).

Ein Markt steht unter Wasser

Jeder von uns kennt diese Bilder und die Geschichten von danach. Doch in Sierra Leone kommt kein Minister – kein Geld – keine Aufbauhilfe. Wir werden sehen, wie es aussieht, wenn wir zurückkommen. Bisher hat Gott unsere Gebete erhört: auf dem TECT Gelände und in Jui ist man bisher vom Schlimmsten verschont – Gott sei Dank – wem sonst!