Die Festival Season in Sierra Leone beginnt in der Regel Ende November – das bedeutet lautere Musik, Feiern und mehr Verkehr sowie Leute auf Straßen und Märkten. Das steigert sich bis Weihnachten, danach flaut es kurz ein wenig ab, um über Silvester noch einmal alles zu geben.

Wenn Mitte Dezember die Examen geschrieben sind, müssen die ledigen Studierenden die Wohnheime verlassen, um in ihre Heimatdörfer, Organisationen oder Familien zu fahren. Sie dürfen erst wieder mit dem Vorlesungsstart Mitte Februar zurückkehren.
Einerseits ist es schön für die Studenten, nach der anstrengenden Vorlesungszeit mit vielen Aufgaben und Vorlesungen – vor allem nach den intensiven Examen – einfach mal Pause zu haben. Für die meisten geht es jedoch weiter – Geld im Ferienjob verdienen oder weiterhin der Arbeit (wer sich glücklich preisen darf) nachgehen, die sie neben dem Studium über die Runden bringt.

Für manche ist diese Zeit jedoch eine echte Herausforderung – sie haben kein Geld für die Fahrtkosten. Wer keine Eltern hat und über 18 Jahre alt ist, darf nicht in die Waisenhäuser zurückkehren. Die Familie und Freunde in den Provinzen erwarten Unterstützung und Geldgeschenke bzw. Beteiligung. Wer in der großen Stadt Freetown wohnt, hat doch Geld! So die Überzeugung hier.
Für uns ist das eine anstrengende Zeit, weil etliche um Unterstützung anfragen: Fahrtkosten, medizinische Hilfe, Verpflegung, Mietkosten, Starthilfe für ein Business, Studiengebühren, Graduierung und und und. Die einen schreiben Briefe, die anderen Whatsapp-Nachrichten und viele kommen direkt vorbei, stehen vor der Tür und bitten um Hilfe. Abgrenzung gibt es hier für uns nicht. In diesem Jahr ist es mehr und intensiver geworden.

Manche Vertreter schlurfen schon morgens vor 7 Uhr mit Sonnenaufgang ums Haus oder aber wenn es dunkel ist, um zu fegen und auf etwas zu Essen oder Geld zu hoffen. Ein Stalker kam jeden Tag und schlich ums Haus, direkt an unsere Fenster, bis Ralf dann irgendwann der Kragen platzte und er den jungen Studenten in den Senkel stellte. Einmal die Woche ist ok, aber nicht jeden Tag!! Viele verstehen hier auch ein NEIN nicht – es gilt immer weiter machen, sich in Erinnerung rufen, ihnen auf die Nerven gehen – irgendwann muss es ja klappen! Die Not und das Elend sind groß und wir als Weiße eben prädestiniert zu helfen.
Mehrmals ist es vorgekommen, dass wir gegen 22 Uhr im Bett waren, als plötzlich unser Hund durchdrehte und jemand mehr als eine halbe Stunde lang klopfte. Wir ignorieren das. Im Dunkeln sind wir nicht erreichbar, nicht zu sprechen. Basta.
Wir helfen, wo wir können und den Eindruck haben, da sollten wir es tun – was auch nicht immer einfach ist. Oft es geht deutlich über unsere Möglichkeiten hinaus.
Einigen durften wir bei medizinischer Hilfe Unterstützung zukommen lassen – z.B. Margrets Nichte mit dem verbrannten Arm (den sie bis heute dran hat) – Aruna bei einer komplizierten Leistenbruch-Op – bei mehreren Schwangerschaften – Ausschabungen – Krankenhausaufenthalten und Medikamenten. Manches kostet mehr, anderes ist überschaubar – die Menge macht es.
Für viele sind die Kosten für den Transport eine echte Herausforderung – ob die Kinder zur Schule – zum Einkaufen auf den Markt – Behördengänge – zur Kirchengemeinde oder einfach der Weg vom College nach Hause – selbst die Kosten für ein Motorradtaxi sind eine tägliche Anstrengung.

Auch die Gebühren für Schule und Studium sind hohe Hürden. Selbst wenn die Regierung verkündet, der Schulbesuch sei kostenfrei. Es besteht ja Schulpflicht. Oft landet das Geld der Regierung nicht wie offiziell verkündet bei den Lehrern, sondern versickert auf dem Weg dorthin. So interessiert das Gesetz die jeweiligen Schulen nicht. Sie verlangen Gebühren von jeder Familie und das variiert sehr.
Es wird gespart wo es nur geht. Alles andere ist dringlicher als das täglich Reis. Immer wieder aufs Neue hören wir, dass Studenten und Familien nichts gegessen haben, mitunter über mehrere Tage. Das ist hier so und scheint sich kaum zu ändern. Viele Menschen sind extrem dünn. Das Schönheitsideal in Sierra Leone ist möglichst hellhäutig und pummelig. Auch wenn viel internationale öffentliche Gelder nach Sierra Leone fließen, es ändert kaum etwas an der Lebenswirklichkeit der Menschen hier.
So waren wir sehr, sehr dankbar, dass wir zumindest in unserem Umfeld ein wenig über einen kurzen Zeitraum (Weihnachten) helfen durften.
Die Studentenwohnheime monatlich mit Verpflegung versorgen – im Dezember etwas mehr. Auch einigen der Familien konnten wir helfen – mit Verpflegung oder Geld auf die Hand.

Unter anderem haben wir entschieden, die Familie von Amadu (Tor-Amadu – nicht Auto-Amadu) mit Verpflegung zu versorgen. Tor-Amadu wurde angezeigt, in Polizeigewahrsam genommen und musste nach Untersuchung und Richterspruch ins Gefängnis. Ob die Vorwürfe gerechtfertigt sind, die Straftat wirklich so passiert ist und er das war? Das kann man hier nur schwer sagen. Es ist immer eine Frage von Beziehungen, Geld und Macht.
Wir konnten erneut die Studenten am Baptist Theological Seminar in Lunsar über zwei Wochen Blockunterricht verpflegen und ihnen auch manches mitgeben – allein die Fahrtkosten waren ein Hindernis, am Kurs teilzunehmen. Die Pastoren in den Provinzen erhalten meist keine Unterstützung, weder Seitens ihrer Gemeinden noch von Seiten ihres Bundes. So haben wir auch bei Hin- und Rückfahrt manchen helfen können.

Hilfe ging auch an Gemeindefamilien, deren Not wir kennen. Schließlich haben wir der Schule in Lunsar Verpflegung für Schüler und Lehrer zukommen lassen. Da die Schule mittlerweile auf über 200 Personen gewachsen ist, können wir nur noch mit Verpflegung für wenige gemeinsame Mahlzeiten helfen. Dafür haben die Lehrer jedoch Essenspakete erhalten, die sie und ihre Familien über die Weihnachtstage versorgen konnten.

Das Schöne ist, dass eine Organisation aus Deutschland die Schule mit Lehrergehältern unterstützt. Statt der bisherigen 300-600 Leones (15-30 Euro) im Monat erhalten sie nun 1.000 – 1.200 Leones (45 -60 Euro) und nun wird auch in die Rentenkasse eingezahlt. Darüber freuen sich Lehrer und Leitung sehr. Wir ebenfalls. Wir hoffen, dass es für eine gewisse Zeit tragfähig bleibt und der Schule am Bestehen und Stabilisieren hilft – ohne Geld keine Lehrer – ohne Lehrer keine Schule.
Wir möchten allen vielmals Danke sagen – für Gebete und Unterstützung – ohne Dich könnten wir vieles von dem nicht tun bzw. es wäre nicht möglich! Wir sind Gott und Euch sehr dankbar.
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