Das Studienjahr nähert sich dem Ende. Die letzten Vorlesungen laufen. Facharbeiten müssen abgegeben und verteidigt werden. Examen werden Ende Mai geschrieben.
Überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit sieht man Studenten über ihren Aufzeichnungen sitzen und büffeln – na und manchmal auch ein Nickerchen machen – aber nur kurz!

Es ist eine hektische und aufregende Zeit. Wie immer kommen nun vermehrt Studenten mit der Frage nach Hilfe, Erklärungen, Fragen – „kannst du mir noch mal die gesamte Revision auf Handy aufnehmen und schicken?“ „Können wir uns treffen und noch mal dies und das durchgehen?“ „Wie soll ich das verstehen“ … und so weiter. Von Einzelsitzungen bis hin zu Gruppentreffen alles drin. Und Mum Christina ist für jeden Vorschlag offen – für Ihre Studenten eben – selbst dann wieder, wenn zu einem vereinbarten Treffen keiner der Sechs Studenten vorbeikam …..
Für die Examen müssen die Fachdozenten zu ihren jeweiligen Vorlesungen Prüfungsaufgaben und Fragen eingereicht haben.
Dozenten, die Facharbeiten bzw. deren Studenten begleiten, müssen zudem Korrekturen erledigt und abgegeben haben. Zeit ist wie immer knapp – wie auch Geld – aber dann geht es schneller.
Die Final Year Studenten machten den Anfang. Die Facharbeiten werden vorgestellt und verteidigt. In den darauf folgenden zwei Wochen werden die Examen geschrieben. Wie gesagt, alles ist abgegeben, vorbereitet und muss nur noch abgespult werden – also keine größeren Aufreger, könnte man meinen …

Am Montag jedoch nach dem ersten Examen wilde Diskussion unter den Studenten – die letztlich bei Christina endeten. „Deine Prüfungsthemen und Fragen waren völlig anders als mit dir durchgesprochen – manchen Stoff hatten wir nicht einmal durchgenommen!“
Nach und nach stellte sich heraus, das der zuständige Prüfungsfuzzi entschieden hatte, Themen und Fragen für Christinas Fachbereich teilweise völlig neu zu gestalten. „Sie waren ihm zu einfach“! Und so liefen dann die StudentInnen am Montag ins offene Messer. Während der laufenden Prüfung änderte er dann noch eine weitere Frage mündlich. Nun war die Verwirrung perfekt.
Der zuständige Prüfungskommissar war neu – kam gerade promoviert aus dem Ausland zurück, um hier die Dozentenstelle anzutreten. Er bemängelte schon länger, dass sich das Niveau vom T.E.C.T. im Theologischen Bereich steigern muss. Nun hatte er das also mal eben im laufenden Prüfungsverfahren in Eigenregie behoben, ohne Rücksprache mit Christina oder dem Fachbereichsleiter. Da war was los! Nicht nur die Studenten waren not amused, auch das Kollegium schien nicht sonderlich erfreut über dessen Vorgehen.
So wurde für diese Prüfung kurzerhand ein neuer Termin anberaumt. Dieser sollte in der gleichen Woche am Samstag stattfinden. Alle anderen Final Year Studenten waren mit den Freitagsexamen fertig und feierten mit einem fröhlichen und lauten Umzug samt Blaskapelle und Jubel den Abschluss. Die Theologen durften also noch ne Runde warten. Dass sich dadurch auch die kompletten Pläne für alle Beteiligten verändert haben, ist dabei nur nebensächlich ärgerlich. Viele hatten schon Verpflichtungen für den Samstag – Reisedienste, Gebetsnächte etc. – aber hier gilt: „Das Leben ist eine Pralinenschachtel – man weiß nie, was man bekommt!“

Auch der zweite Versuch lief nicht komplett ohne Frust ab. Erneut in Eigenregie strich der Exams officer einige Fragen aus dem Programm. Wer sich nun also auf genau diese Fragen vorbereitet hatte (es gibt hier immer Auswahlfragen), der guckte wieder in die Röhre.
In der Tat ist das Niveau am T.E.C.T. ausbaufähig.
Vielfach musste Christina Vorlesungen, Themen und Fragestellungen vereinfachen. Das lag zum einen am schlechten Englisch – das viele nicht wirklich sprechen oder verstehen können. Anderen fehlen einfach die geistigen Fähigkeiten für ein solches Studium. Die Studenten sind sehr unterschiedlich. Während manche ausgesprochen reflektiert sind, tiefe theologische Fragen bewegen (z.B. Hat Gott auch das Böse erschaffen? Wenn nicht, woher kommt es? Kann man die Errettung wieder verlieren?) und sich als Akademiker wie ein Fisch im Wasser bewegen, so sind andere eher vergleichbar mit dem Unterstufenniveau an der Gesamtschule in Deutschland, an der Christina früher unterrichtet hat.
Theologische Kommentare überfordern sie völlig. Sie haben zudem nie gelernt, Gelesenes mit eigenen Worten wiederzugeben oder auf gewisse Fragen hin zu analysieren. Der Schwerpunkt der Schulbildung in Sierra Leone ist eben Auswendiglernen – egal ob man versteht, was man redet. Im Theologiestudium hilft das jedoch nur sehr begrenzt.

Wieder andere sind einfach durch die vielen Jobs – Arbeiten – Dinge nebenher so absorbiert, dass fürs Studium kaum Zeit bleibt. Eine Studentin leitet eine Gemeinde mit mehr als 700 Mitgliedern und hat nebenher eine selbständige Tätigkeit im kaufmännischen Bereich. Klar, dass das Studium eher den Kürzeren zieht. Christina hat im Verlauf der letzten Semester immer wieder einen Weg der Angleichung beschritten. Bei den Korrekturen kommt ihr zudem die zunehmende Kenntnis von Krio zu Gute, um das Krio-Englisch in den Antworten mancher Studenten besser zu verstehen.
Gesetzt aber, man würde das Niveau am College mit einem Schlag deutlich anheben, dann hätte es noch weitere Konsequenzen: viele Studienabbrecher, durchgefallene Kurse, auf Dauer weniger Studenten – weniger Geld – weniger Dozenten – Rentabilität und Bedarfsfragen müssten gestellt werden. Manch einer hat die Uni-Qualifikation nur aufgrund von Korruption erhalten – das im Vorfeld auszusieben ist fast unmöglich. Es bleiben viele Fragen und Möglichkeiten – wir sind gespannt, wie sich das weiter entwickelt.
Nach dem nun die Final Year Studenten durch waren, geht es für alle anderen in die Examen. Zwischen der letzten Vorlesung und der ersten Prüfung liegt eine Woche – Zeit zur Vorbereitung. Danach kommen drei intensive Wochen Examen. Studierende haben 8-11 Fächer pro Semester. Jede Menge zu lernen.
Überall Tag und Nacht sitzen Studenten – rezitieren – lesen – lernen – im Baum – unterm Baum – am Baum – um den Baum herum oder aber am Brunnen. Bei all den anderen Nachtschwärmern (Moskitos) ist das kaum erklärbar.

Anfang Juni ist dann alles vorbei und es geht ans Korrigieren und Noten einreichen. Während es für Christina dann etwas ruhiger wird, könnte es für Nathanael in die Vollen gehen. Anfang Juni werden an der Britisch International School die Examen geschrieben und so darf auch Nathanael seine Pflicht erfüllen.
Seine Motivation hält sich in Grenzen – das Lernen auch und so schauen wir mal, wo wir am Ende landen werden. Dann hat er noch ein Jahr und wenn alles gut geht – möge der Herr es schenken – hat Nathanael einen Mittlere Reife-Abschluss, der in Deutschland anerkannt werden kann.
Das wäre super – eine Gebetserhörung und wunderbare Zäsur dieser vier Jahre. Aber bis dahin ist noch ein bisschen Weg zu laufen.
