Sommersemester 2025

Nachdem Christina Ende Februar mit sechs Vorlesungen begonnen hatte, kamen im Verlauf der Zeit noch ein paar weitere Veranstaltungen hinzu. Zum einen wurde sie gebeten, eine Gruppe von ca. 15 Studentinnen wöchentlich zu begleiten – geistlich leben – Andachten und Themen wie Geschwätz, Partnerschaft, Heiligung etc. – mit Offenheit für spontane Gespräche. Klar, das läuft alles auf Krio. Die Studentinnen verstehen es einfach viel besser.

War das Miteinander zu Beginn noch distanziert, vorsichtig und oft nach kurzer Zeit vorüber, wuchs nach einigen Wochen Vertrauen und so dauern die Einheiten nun etwas länger. Dass es sich hierbei weitgehend nicht um Theologinnen bzw. Christinnen handelt, macht das Ganze noch mal spannender und interessanter.

Wie immer ist es ein Vorrecht, in das Leben von jungen Menschen reinschauen zu dürfen. Gleichzeitig wird man dankbar für das eigene Aufwachsen und soziale Umfeld.

Viele der jungen Frauen sind Waisen und haben über die Waisenhäuser nie familiäre Anbindungen oder Geborgenheit erlebt. Nun ja, auch in Familien erleben etliche das hier nicht – aber man erhält doch eine Ahnung davon.

Des Weiteren wurden zwei weitere Gruppen für Frauen ins Leben gerufen. Eine der Gruppen richtet sich an Pastorenfrauen von Studenten. Diese sollen unterrichtet und geschult werden, welche Bedeutung es hat, eine Pastorenfrau zu sein und wie sie ihren Partner und die Familie unterstützen können. Denn mit dem Job bzw. Gehalt eines Pastors kann hier niemand überleben. Manche dieser Frauen haben nur eine schulische Bildung auf Grundschulniveau durchlaufen. Sie lernen hier Englisch, Haushalt führen, Gemeindearbeit unterstützen, Kinder erziehen und was von ihnen generell als Pastorenfrauen erwartet wird. Sie werden in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt und u.a. dahingehend ermutigt, häusliche Gewalt nicht einfach über sich ergehen zu lassen (was hier leider sehr verbreitet ist).

Gibt es sowas auch für die Männer dazu ….

Die Frauen sind sehr gern abends beisammen – ein Stück Freiheit. Etwas nur für sie selbst. Wir erleben, dass manche Frau dadurch über sich hinauswächst.

Dann wurde noch eine Gruppe ins Leben gerufen – eine offizielle T.E.C.T. Frauengruppe. In diesem Land gehören nur „reife“ Frauen in eine Frauengruppe – genauso in den Gemeinden. Single-Studentinnen zählen nicht dazu. Wer aber verheiratet ist, gehört dazu. Es sind Frauen von Studenten, Studentinnen, Frauen von Dozenten, Dozentinnen sowie Mitarbeiterinnen – alle, sofern sie auf dem Campusgelände wohnen. Sie trifft sich monatlich zu Bibelstunden, Gebetstreffen und wird aktiv, wenn es Notfälle bzw. Sterbefälle am T.E.C.T. gibt. Dafür sollen Gelder gesammelt und gegeben werden, die dann bei Bedarf verteilt werden können. Sie treten als Gruppe in „Uniform“ auf und unterstützen das T.E.C.T. Leben, wie es hier erwünscht ist.

Frauengruppe Peace Baptist

Wer das System kennt, weiß, dass jede Gruppe im Grunde überwiegend die Aufgabe hat, Geld zu sammeln um irgendetwas irgendwann zu unterstützen – auch in den Gemeinden ist das nicht anders.

Der Wunsch, anderen zu helfen und die Not zu lindern ist großartig. Allerdings werden die Leute hier so oft dauerhaft zur Kasse gebeten, dass wir uns immer wieder fragen, wie diese bitterarmen, kaum Geld habenden Menschen das aufbringen sollen. Kaum jemand, der das kann. Wenn schon bei den persönlichen Notwendigkeiten (Essen, Kleidung, Schulgebühren, Fahrgeld) vieles nicht möglich ist – dennoch sollen sie ständig Geld geben. In jeder obligatorischen Chapelandacht (4x pro Woche) wird eine Kollekte erwartet. In jedem Frauengruppentreffen. Dazu kommen die Gottesdienste ihrer eigenen Gemeinden und etliche Sonderkollekten, die über das Jahr verteilt gesammelt werden. Gleichzeitig werden die Leute mit astronomischen Forderungen unter Druck gesetzt, möglichst viel zu geben. Darüber müssen wir immer wieder den Kopf schütteln.

Aber nicht nur wir, auch ein Teil der „einfachen Pastoren“ des hiesigen Bundes sehen das als Problem und trauen sich in der Pastorengruppe das anzudeuten.

Brethren,

Today, I write to you to address a pressing concern that affects not only our faith communities but also the very fabric of our society: the perception that the Church has prioritized money over humanity. This notion is one that deserves our thoughtful consideration.

Throughout history, religious institutions have had a profound impact on society, providing spiritual guidance, community support, and a moral compass. Yet, in recent times, we have witnessed a troubling trend where financial wealth seems to overshadow the core tenets of compassion and service that lie at the heart of many faiths.

When we prioritize monetary gain, we risk converting our churches into businesses rather than sanctuaries. Fundraisers, pledges, and financial targets can overshadow the essence of our mission: to uplift the marginalized, feed the hungry, and care for the vulnerable. In many places, the focus on financial contributions can create a divide, where those who give more are seen as more valuable within the community. This approach can alienate those who are struggling financially, pushing them away from the very sanctuary that should embrace them.

Furthermore, we must ask ourselves: when did our churches begin to reflect the values of capitalism more than those of compassion? Are we not called to serve rather than to accumulate? The Gospel teaches us the importance of love, kindness, and selflessness. If we are to truly follow these teachings, we must reclaim our commitment to humanity over profitability.

It is crucial that we, as a unified community, redirect our focus from wealth and abundance to the unity and support of our fellow human beings. Let us challenge ourselves and our leaders to prioritize the very essence of our faith—the love and care for one another.

In conclusion, I urge all of us to reflect on our values and practices. Let us advocate for a Church that prioritizes humanity, where every individual feels valued, loved, and welcomed. Together, we can create a future where our faith is not measured by our financial status, but by our ability to serve, uplift, and love one another.

Thank you

Erschwerend kommt noch hinzu, dass die zeitlichen Vorgaben für die Gruppenmitglieder äußerst flexibel verstanden werden. Mal kommen 20 – mal vier. Nie beginnt man pünktlich und selten sind bis zur Hälfte des Treffens die meisten da. Auch das Ende wird großzügig verstanden – darf ruhig ein wenig länger sein.

Für alle, die da etwas strukturierter sind und zudem einen vollen Tag haben, ist das einfach zu lange. Deshalb geht Christina häufig vor Ende des Treffens. Wenn gesagt wird, es beginnt um 17 Uhr, ist sie um kurz nach 17 Uhr da. Wenn es dann meist erst um 18 Uhr beginnt, die Leiterin erst eineinhalb Stunden später kommt, ist das deren Problem. Um 20 Uhr ist Christina gern allmählich auf dem Weg ins Bett. Der nächste Morgen beginnt SEHR früh.  

Natürlich können die Treffen immer kurz vorher von den jeweiligen Leitern abgesagt werden. Auch das macht eine Zeitplanung nicht einfach. Alles völlig normal hier. Genauso, dass Treffen angesetzt, aber nicht alle informiert werden. Manchmal hört Christina Gesang und erinnert sich an ein bestimmtes Lied. Dann eilt sie zur Chapel – und siehe da, eine Probe der Frauen ist spontan angesetzt. Auch das völlig normal. Eine andere Dozentin bittet jetzt sogar immer Christina, sie an solche Treffen zu erinnern oder darüber zu informieren, weil es ebenfalls an ihr vorbei geht.

Auf dem Weg zu einer Beerdigung

Dann gab es die Immatrikulation für die späten Erstsemester. Auch hier ging es bei brütender Hitze statt um 10 Uhr erst um 11 Uhr los und dauerte dann noch zwei Stunden – allein die Begrüßung der VIPs und Grußworte zu Beginn dauerten. Allerdings war diese Veranstaltung deutlich kürzer als die vergangenen (sie können bis zu vier Stunden dauern) – was Christina diesmal sehr dankbar aufnahm. In der Hitze mit schwarzer Graduierungsrobe und Masterhut stundenlang draußen schwitzen macht unsereinem einfach keine Freude.

Es gab außerdem die Departmental Night. Jeder Fachbereich (von acht) stellte sich in irgendeiner Form dar und sammelte dabei Geld fürs T.E.C.T. (Sketch, Gesang, Musikvortrag, Tanz etc.). Wer am meisten Geld bringt, hat die Departmental Night gewonnen – ein leidenschaftlicher Wettkampf. Das gesammelte Geld wird zum Bau des neuen Schulgebäudes genutzt. Dieser Neubau ist bereits recht weit gediehen. Mit den Beiträgen dieser Veranstaltung wird nun die Elektrik verlegt. Die Beiträge des Abends sind kreativ und interessant. Aber wie immer fängt alles später an und allein die Grußworte von Hund, Katze, Maus brauchten mehr als eine geschlagene Stunde. Danach kam eine Predigt, die ebenfalls länger als 40 Minuten dauerte, bevor es schließlich um die Beiträge der Fachbereiche ging. Aber vielleicht ist das Eigentliche ja gar nicht das Eigentliche?!?

Der Tag begann wieder früh morgens mit dem „Marathons“

Na und dann gab es Ende April den „Sports Day“. Das ist ja hier in Sierra Leone ein richtig großes und heiß ersehntes Ereignis. Alle nehmen ihn sehr ernst und kämpfen mit Leidenschaft. Einen Sports Day begehen alle Schulen und eben auch Universitäten – teilweise sogar Gemeinden. Ein Tag, an dem die Schüler oder Studenten in vier „Häuser“ (Teams) eingeteilt werden (Farben gelb – grün – blau – rot etc.) und gegeneinander Wettkämpfe bestreiten. Überwiegend sind es Laufdisziplinen – dafür braucht es nicht viel Mittel und das kann von klein auf jede/r.

Da braut sich was zusammen

Bereits morgens im Dunkeln starten die besten Langstreckenläufer zu einer max. 10 km langen Strecke quer durch Freetown bis Jui. Dann geht es nachmittags weiter mit den Laufveranstaltungen über unterschiedliche Distanzen einzeln oder auch als Staffel weiter. Jedoch auch Tauziehen darf nie fehlen. Wichtig ist eine Parade (Schaulaufen quer über den Platz mit Bannern), ein längeres Grußwort des Rektors und laute Musik bzw. Kommentare per Lautsprecher. Am wichtigsten ist natürlich die pompös zelebrierte Siegerehrung am Ende mit großem Pokal.

Beim Sportsday ist immer was los, macht allen mächtig Freude. Sport ist hier sehr wichtig – richtige Events mit ausgelassener Feierstimmung sozusagen. Es kommen Familienmitglieder, Freunde und viele Anwohner, um daran teilzuhaben. Warum dieses Event allerdings in der heißesten Jahreszeit veranstaltet werden muss, ist uns ein schwitzendes Rätsel.

Team Grünes Haus

Erklärt wurde das mit der Erntezeit und Landwirtschaft – die von September bis Januar stattfindet. Da können Eltern und Familie eben nicht teilnehmen, weil sie auf den Feldern zu finden sind. Doch das war früher. Heute gibt es zumindest in den Städten kaum noch Farmer – aber never change a running system!

Die Dozenten wurden wieder aufgefordert, Ermutiger für jeweils ein Team zu sein. Christina war wieder Ermutigerin im grünen Haus (Hast du gemerkt, dass in diesem Wort „Tigerin“ enthalten ist!!!) Und so war der Fight für die Herde vorprogrammiert. Hat am Ende nichts geholfen, Gelb hat gewonnen.

Auch diese Veranstaltung fing nicht pünktlich an. Als nach den Eröffnungsfeierlichkeiten der erste Wettkampf begann, zog es sich bedenklich zu – also das Wetter. Grüngraue Wolken und ein Wind kam auf. Der wurde immer heftiger – die Wolken immer dunkler und die Regenergüsse waren schon im Nachbarort zu erkennen.

Während sich die Weichis (Christina & Ralf) schnell auf den Weg ins Trockene machten, fing es nach kurzer Zeit an. Blitze – Donner – Starkregen. Das zu erleben ist schon eindrücklich, mit welcher Heftigkeit sich hier Stürme entladen und über einen hinwegziehen.

Cats and Dogs

Viele der Teilnehmer und Mitarbeiter blieben jedoch am Platz irgendwo in der Nähe und stellten sich kurzfristig unter – Haus oder Baum … Denn danach könnte es weitergehen …

Ob wohl die Musikanlage überleben wird? Doch diese Sorgen waren unnötig. Nach guten zwei Stunden ging das Spektakel weiter, zu hören an den Lautsprecher-Ansagen, der Musik und etwas später wieder an dem Grölen und Schreien zu den Wettkämpfen. Allerdings nieselte es die meiste Zeit weiter. Grund genug für Christina, nicht im Regen an der Seitenlinie zu stehen. Sie wurde schmerzlich vermisst, wie ihr später mitgeteilt wurde.

Nach Abschluss und Siegerehrung kam diesmal nur ein Team bei uns zu Hause vorbei, um den Pokal „segnen“ zu lassen. Diesmal waren wir schlauer. Während Christina im letzten Jahr noch fromm betete (denn das heißt doch „segnen“!), gaben sie diesmal direkt Geld für das Team zum Feiern. Jauchzend und singend zogen sie weiter zum nächsten Mitarbeiterhaus.

Segne segne dein Team

Nun im Mai stehen die Prüfungen an. Examen und Hausarbeiten werden geschrieben, Facharbeiten verteidigt und wenn alles abgegeben ist, geht es für Christina an die Bewertung und Korrekturen.