Auf den Hund gekommen

Ein Thema, das wir bisher ganz bewusst ausgeklammert haben, ist das Thema Hund oder generell Tiere. Die werden hier echt schlimm behandelt. Aber um es noch mal deutlich zu sagen, wo Menschen schlimm behandelt werden, sollte man sich nicht über einen ebensolchen Umgang mit Tieren verwundern. Uns schmerzt das und tut weh, aber wir kommen eben aus einem romantisch verklärten Kulturkreis. Für uns sind Tiere eher Haustiere und sogar Familienangehörige.

In armen Ländern gelten Tiere als Nahrungsmittel oder Werkzeug und so behandelt man diese dann auch. So auch in Sierra Leone. Einen Hund als Nahrungsmittel zu sehen, kommt auch in Sierra Leone vor – aber eher selten. Welpen hingegen schon eher. So stehen auf den Märkten oder an der Straße nicht selten Händler, um Welpen zu verkaufen. Diese Tiere sind immer traumatisiert – wie auch sonst wäre all das möglich. Darum kümmert sich keiner.

Hunde gibt es hier wie Sand am Meer – unzählige – zumeist Streuner. Sie sind teils in Rudeln, teils alleine unterwegs. Sie werden verfolgt, gejagt, getreten und totgeschlagen. Wir haben in unserem ganzen Leben noch nie so viele verwahrloste und heruntergekommene Hunde gesehen.

Auch auf dem T.E.C.T. Gelände laufen immer wieder frei lebende Hunde rum. Mal einzeln, mal im Rudel – ein Rudel bietet einigermaßen Sicherheit.

Uns wurde von Anfang an klar gemacht: Hunde sind gefährlich. Sie haben auf dem Gelände nichts zu suchen und müssen verfolgt und verjagt werden.

Uns hat zudem die Frage bewegt: wenn wir einen Hund aufnehmen würden – was machen wir, wenn es zurückgeht – wenn wir unterwegs sind – und was ist mit den unzählig anderen?

Diese verwahrlosten und misshandelten Hunde gehören zu Sierra Leone, ob in den Provinzen oder Städten. Sie sind überall – liegen auf oder neben der Straße – an Märkten – Häusern mitten drin und wir weichen im Durchschnitt jede Woche mind. einem überfahrenen Hund aus.

In den ersten beiden Jahren hat sich immer mal ein Hund am Haus niedergelassen, in dem wir leben – ein Platz der Ruhe und des Friedens. Denn wir haben den Groundsmen (Gärtnern) und der Security klar gemacht, dass sie diese nicht mit Stock oder Steinen jagen müssen.

Irgendwann haben wir angefangen, diesen einen Hund zu füttern. Also Dosenfutter gekauft, in ein Schälchen gefüllt – in die Nähe des Hundes gestellt und abgewartet. Mit der Zeit ist er nicht mehr komplett weggelaufen und am Ende hat er uns bis auf drei-vier Meter an ihn herangelassen. Aber mehr nicht, was auch gut ist, denn sie müssen sich nach wie vor um sich selber kümmern – wir sind ja nicht immer da!

Das haben wir mittlerweile bei drei Hunden getan. In der Regel bleiben sie für ein paar Wochen, um sich dann einem Rudel anzuschließen, oder sie sind plötzlich weg – sehen wir nie wieder.

Im Moment haben wir eine Hundemama auf dem Gelände. Sie ist absolut hager und muss gerade Junge bekommen haben, was man am Gesäuge erkennen kann. Also ständig hungrig und auf Nahrungssuche. Und tatsächlich haben wir dann auch drei kleine Welpen in ihrem Gefolge gesehen. Gerade sie haben wir dann gezielt gefüttert. Doch wie es hier so ist, nach einer Woche waren es nur noch zwei Welpen und in der dritten nur noch eins, das hinter ihr herlief. Die anderen beiden wurden, so vermuten wir, von anderen Hunden oder sonstigen Tieren gefressen. Denn nun campiert oft ein ganzes Rudel aus 5-7 Hunden um unser Haus herum und auch sie würden sich über Verpflegung freuen, aber das geht dann doch nicht. Wenn wir Essensreste haben – Knochen oder Dosenfutter, dann landet es vor dem Fenster und findet reißerischen Absatz.

So gehören die streunenden Hunde hier, zudem nachts, lautes Bellen, Jaulen und auch Kämpfen zur Geräuschkulisse zum Alltag. Hunderudel klingen oft wie Wölfe. Einer fängt an, dann stimmen die anderen mit ein, und bald heulen alle Hunde der Umgebung miteinander. Viele Einheimischen glauben, dass es immer dann passiert, wenn gerade ein Mensch stirbt. Interessant.

An einem Morgen hörten wir ein anhaltendes Fiepen und Jaulen irgendwo in Richtung Frauenwohnheim. Das hörte gar nicht mehr auf und klang auch immer leidender. Über Stunden. Weit und breit kein anderer Hund.

Das ist der kleine Kerl – wir nennen ihn Pinsel, wegen dem weißen Schwanzende

Schließlich machte sich Christina auf den Weg, um mal nachzusehen. Und siehe da, ein kleiner Welpe, der mutterseelenallein dort herumtapste. Er konnte noch gar nicht richtig sehen. Kein Mensch in der Nähe, kein Hund, nichts – keine Ahnung wo der her kam oder zu wem dieser gehörte. Klar war jedoch, er wird es alleine nicht mehr lange machen – er war schon dehydriert und noch sehr jung. Die Augen kaum offen und laufen war eher ein Wackeln. Nach einer anfänglichen Scheu ließ er sich bald von Christina mitnehmen. Na super – jetzt haben wir einen Hund – was nun?

Der kleine Kerl war, so vermuteten wir, max. 2-3 Wochen alt, was vom Tierarzt bestätigt wurde. Er war Träger eines großen Flohzirkus – überall pisackten diese Viecher den kleinen Kerl. Unzählige.

Also erstmal versuchen, das Schlimmste zu beseitigen: ab zum Baden – mit Essig soll gut sein, so sagte man uns! Nun ja – etwas weniger waren es anschließend, aber immer noch eine Armee von Saugern. Wir hatten nur Milchpulver da, aber das musste angerührt eben erstmal ausreichen. Wir haben über Steffi die Adresse für einen Tierarzt bekommen um ihn gleich am nächsten Morgen aufzusuchen und uns ein Bild zur Lage machen zu können.

Nachdem die Nacht recht unproblematisch war – viel geschlafen – geschlabbert – Nähe gesucht und gepischert. Unglaublich! Er ist ein Auslaufmodell. Was oben reinkommt verdoppelt sich beim Ausgang und natürlich dort wo man gerade steht.

Beim Tierarzt im Wohnzimmer

So fuhren wir am nächsten Morgen Nathanael zur Schule, um gleich weiter nach Aberdeen zum Tierarzt zu fahren. Der Assistent vom Tierarzt holte uns an der Hauptstraße ab. Wir hätten es wahrlich nicht alleine gefunden. Dann durften wir etwas warten, da der Doktor sich erst mal fertig machen konnte. Der war nämlich noch im Bett und so wie es aussah auch krank. Wir durften ihn im Schlafzimmer besuchen, er begrüßte uns und dann überließ er uns den fachkundigen Händen seines jungen Assistenten.

Reinigungsmittel – Tabletten – Spritze – check

Der machte das sehr einfühlsam und kompetent – das war gut festzustellen. Erstmal gab es einen Waschgang mit entsprechendem Mittel gegen die Flöhe. Siehe da, alle Flöhe tot – unglaublich, was da plötzlich alles an schwarzen Punkten im Wasser auftauchte.

Dann gab es Tabletten für Vitamine und gegen Würmer und noch eine Spritze gegen Flohbefall.

Dann ab nach Hause. Wir sollten ihn mit laktosefreier Milch versorgen – und tatsächlich, nach drei Tagen und fünf Einkaufsläden haben wir sie gefunden – davor gab es fettfreie Milch – sie wurde vom Tierarzt als Alternative empfohlen. Der Kleine war so ausgehungert, dass er viel Fett in den ersten Tagen auch nicht vertragen hätte.

Nathanael und Christina tauften unseren Familienzuwachs „Pinsel“ – weil seine Schwanzspitze weiß ist …  seine Pfötchen auch. Er ist wirklich süß und absolut ruhig. Nach den ersten drei Tagen nimmt er immer mehr vom Haus ein und tapst durch die Gegend. Er schlabbert Milch – pieselt – er hat wirklich eine Konfirmandenblase, unglaublich! Wir wischen auf – beschäftigen und bespaßen ihn und er uns – frisst und schläft sehr viel – was ja alles ganz normal ist. Wie gesagt, er ist ein Durchlaufmodell – was er vorne reinschlabbert, kommt am anderen Ende gleich wieder raus – ganze Bergseen.

Best Buddies

Er wird lernen dürfen, dort zu machen, wo es hin soll (draußen) und nicht überall da, wo er gerade steht, liegt oder spielt. Und wir beten und machen uns Gedanken, wie es dann weiter mit ihm geht. Wo soll er hin?

Aber im Moment freuen wir uns über diesen kleinen Kerl und auch darüber ein kleines Leben retten zu dürfen.

Leben ist ganz schön anstrengend