Während manche unter uns schon die Tage zählen, wann es nach Deutschland geht, gibt es noch ne ganze Menge zu tun.
Christina sitzt nach wie vor an den abgegebenen Hausarbeiten aus ihren Vorlesungen. Jeder Student muss in jedem seiner Kurse eine Facharbeit schreiben. Das ist in der Regel überschaubar. Es geht einfach darum zu sehen, ob die Leute auch kognitiv anwesend waren und zudem verstanden haben, was inhaltlich gelaufen ist. Wer keine Arbeit in einer Vorlesung abgibt, hat die Vorlesung meist nicht bestanden (oder die Note sinkt rapide) – müsste die Vorlesung also meist wiederholen.

Es gibt natürlich Abgabetermine, aber wie alles hier – flexibel. So telefoniert und whatsappt Christina hinter den Leuten her, um ihnen noch eine und noch eine und noch eine Chance zu geben. Und dennoch haben eine ganze Reihe bis heute keine Arbeiten abgegeben … Bis kurz vor der Abreise fehlen von sieben Personen insgesamt neun Facharbeiten.
Was sie im letzten Jahr erlebt hat, zieht sich weiter durch – dieses Jahr noch mal gehäufter. In manchen Vorlesungen reichen fünf bis sieben Studierende die exakt identische Arbeit ein.
Das ist nicht in Ordnung, regelwidrig und wird nicht anerkannt. Es ist keine Lappalie, sondern wird selbst in Sierra Leone an staatlichen Unis mit Rauswurf aus der Uni geahndet. Auch hier ist es ein no-go!
Aber man und auch Mum Christina hat ein großes Herz, also weist sie die Studierenden auf diesen Sachverhalt hin, gibt ihnen jedoch noch eine weitere Chance – eine neue, eigene Arbeit zu schreiben und einzureichen – natürlich umgehend.
Die Ausreden dabei sind echt interessant. Damit konfrontiert meinte die eine, sie hätte die fertige Arbeit der Klassensprecherin gegeben, weil sie ins Ausland musste, um für sie die Arbeit einzureichen. Sie war schockiert und fühlte sich ausgenutzt.
Die Klassensprecherin meinte jedoch vollmundig, das wäre ihre Arbeit, und sie hätte diese aus Mitleid an eine kranke Mitstudentin weitergegeben, weil die keine Chance hatte, ihre eigene zu schreiben. So ging das immer weiter. Wem soll man glauben?? Völlig egal. Jeder muss eine neue Hausarbeit einreichen, um den Kurs abzuschließen.

Die im Ausland war, hat noch am selben Abend eine neue geschrieben und abgegeben. Sowohl Inhalt und Stil zeigen, dass tatsächlich sie die ursprüngliche Verfasserin war. So hat sie etwas gelernt: ab sofort behält sie ihre Hausarbeit unter Verschluss. Die anderen haben teilweise bis zuletzt keine neue Arbeit geschrieben und abgegeben.
In einer anderen Vorlesung wurden ebenfalls mehrere exakt gleiche Arbeiten eingereicht. Alle sagen immer, es wäre ihre Arbeit und die anderen hätten unerlaubt kopiert.
Dies ist passiert, weil die meisten Studenten keinen eigenen PC haben und der eine seinen Mitstudenten bat, die Arbeit für ihn zu tippen und in Form zu bringen. Der hat dann natürlich diverse Hausarbeiten auf seinem PC abgespeichert. Möglicherweise schien es ihm eine lukrative Einnahmequelle zu sein, wenn er diese Arbeiten anderen verkaufte … Oder er hat sie „gutherzig“ bedürftigen bzw. faulen Mitstudenten zur Verfügung gestellt. Wie auch immer – legal ist das nicht!
Doch ein Unrechtsbewusstsein herrscht hier nicht. Im Gegenteil, wer durch diese Dinge einen Vorteil erlangt oder aber auch anderen einen Vorteil verschaffen kann, der handelt legitim – so die gängige Überzeugung.

Aber nicht mit Mum Christina. Dazu wird sie im nächsten Studienjahr zu Beginn eine etwas längere Bibelarbeit über Ehrlichkeit – Betrug und Wahrhaftigkeit halten! Wie lautet noch mal das Motto vom T.E.C.T.: „Academic Excellence“! Nicht zu vergessen, dass es sich auch um Personen handelt, die als Pastoren/Pastorinnen oder in der Gemeindeleitung arbeiten.
Ein Student, der wiederholt von Christina auf seine fehlende Arbeit angesprochen wurde, schrieb ihr dann endlich, dass er die Arbeit nicht schreiben kann, weil er verletzte Füße hat. Wir vermuteten, er meint, er kann die Arbeit nicht selbst zum T.E.C.T. bringen und Christina überreichen. Also schrieb sie, er könne die Arbeit auch via Email oder Whatsapp einreichen. Darauf schickte er Christina ein Bild seiner geschwollenen Füße und meinte, er wird jemanden bitten, die Arbeit an seiner Stelle zu schreiben. Hä? Es ist schon interessant, mit welchen Mitteln hier Arbeiten verfasst werden ….
Es gibt viel Erheiterndes – aber auch anderes. Die kleine Tochter von Smart und Gloria – Baby Christina ist krank. Fieber, Erbrechen, Durchfall über Wochen. Sie musste ins Krankenhaus.

Krankenhaus hier ist nichts, was einen hoffnungsfroh stimmt. Die Lage ist ernst – sehr ernst und die Krankenschwestern rechneten schon mit dem Schlimmsten – wir beten und segnen. Viele haben mitgebetet und gebangt. Am nächsten Tag fährt die große Christina ins Krankenhaus und besucht dort Mutter und Kind. Das Kind hängt an einem Tropf.
Für die Mutter des Babys gibt es weder Stuhl noch Bett, obwohl sie tagelang nicht von der Seite der Kleinen weicht. Es gibt eine schmale Holzbank für mehrere Eltern zusammen, die sich abwechseln, darauf mal ein Nickerchen zu halten. Teilweise müssen mehrere Babys das gleiche Bett nutzen, obwohl sie verschiedene Krankheiten haben. Auch nach über einer Woche ist die Kleine noch im Krankenhaus. Sie ist schwach und noch nicht über den Berg – wir beten, hoffen, ringen und viele mit uns!

Ein Student von Christina aus Lunsar hatte vergangenen Sonntag auf dem Weg zur Gemeinde eine „Attacke“ und musste ins Krankenhaus. So wird hier allgemein genannt, wenn es jemandem plötzlich schlecht geht. Er wird nach Freetown ins Krankenhaus überwiesen und ist bewusstlos. Sie schicken Bilder, wie er regungslos in einem Bett liegt – es sieht aus, als wäre er intubiert, aber an keiner Beatmungsmaschine angeschlossen. Der Schlauch endet einfach im geöffneten Mund. Es wird gesagt, dass die Situation kritisch ist.
Christina möchte ihn am nächsten Tag im Krankenhaus besuchen und für ihn beten. Am Abend kommt die Nachricht, dass er verstorben ist. Er hinterlässt eine Familie, die jetzt sehen muss, wie sie klar kommt, und eine Gemeinde, in der er Pastor war – hier geht das sehr schnell.

Auf dem Campus ist es inzwischen ruhig geworden – alle ledigen Studenten, ob sie wollten oder nicht, mussten gehen – das ist hier so üblich. Außerdem sollen in diesem Sommer die Wohnheime (Dorms) renoviert werden. Nur ein paar Familien können bleiben – klar, wo sollen die auch hin. Schließlich geht die Schule für ihre Kinder noch bis Anfang Juli weiter.
Zurzeit wohnen neben einigen Angestellten nur noch drei Studentenfamilien auf dem Gelände. Wir haben uns vorgenommen, ihnen nochmal Verpflegung zukommen zu lassen. Santigies Tochter schlich wieder verschämt ums Haus herum. Auch wenn sie inzwischen nichts mehr sagen darf, weiß Christina, was das bedeutet: die Familie hat seit ein paar Tagen nichts mehr zu essen!

Smarts Familie ohnehin nicht – allein die Medizin und Ernährung im Krankenhaus sowie die Fahrtkosten zwischen Krankenhaus und T.E.C.T. Campus sind sehr teuer, so dass nichts übrig bleibt.
Phebean und Momoh stehen kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes – auch ihnen tut es gut, wenn Essen im Haus ist.
So haben wir für sie Verpflegung besorgt, damit sie wieder ein paar Wochen Ruhe haben. Die Übergabe zögerte sich dann doch etwas raus, weil das Auto für mehrere Tage mit immer neuen Problemen kaum bzw. gar nicht zu gebrauchen war …. Ralf freut sich ungemein, in Deutschland mal für drei Monate keinen Schrottplatz oder Werkstätte oder Reparaturen aufsuchen zu müssen – was ein Geschenk!

Aber wie immer: Gott ist in allem und leistet Maßarbeit – darüber dürfen wir staunen! Als wir Santigie und seiner Frau die Verpflegung überreichten, waren sie „sprachlos“ – kommt bei Santigie nicht häufig vor. Er ist einfach lebensfroh, unglaublich positiv und talkative! Die beiden schauen sich an und dann erzählt Santigie, dass vor zwei Wochen drei junge Frauen vom T.E.C.T. auf sie zugekommen sind und gefragt haben, ob sie bei der Familie unterkommen können.
Alles waren ledige Studentinnen. Sie können noch nicht zurück nach Hause, weil sie noch einige Prüfungen schreiben müssen. Die Termine sind landesweit gleich und staatlich festgelegt. Sie haben mit dem T.E.C.T. Semester nichts zu tun, sondern werden als Zulassung benötigt. Auch wer bereits studiert, aber ein Fach aufbessern oder nachholen muss, nimmt an diesen Prüfungen teil. So können die Studentinnen erst 3 Wochen nach Semesterende nach Hause.
Das T.E.C.T. erlaubt ihnen jedoch nicht, hier in den Wohnheimen zu bleiben – alle müssen das Gelände verlassen.
Da die drei aber aus den Provinzen kommen („weit weit weg“) und kein Geld haben, können sie nicht mal eben so hin und her fahren. So fragten sie die Familie von Santigie. Wir haben nur zwei Räume, sind selbst schon vier Personen – aber wir sehen die Not, und wenn es euch reicht, euch im Wohnzimmer mit Matten nachts auf den Boden zu legen – dann soll das so sein! So waren es in den letzten Wochen 7 Personen im Haus Santigie. Die Mädchen sind selbst Waisen und mittellos, d.h. sie haben zur Verpflegung nichts beisteuern können.
Gerade heute Morgen hatte Santigie das Gespräch mit allen Hausgenossen gesucht. „Wir haben nichts mehr zu Essen und wissen auch nicht woher etwas kommen soll. Also lasst uns alle Gott um Hilfe bitten!“ Am selben Nachmittag riefen wir dort an, um die Übergabe der Verpflegung anzuleiern. Gott macht wirklich Maßarbeit! So lernt die Familie wieder und wieder, wenn sie existentiell auf Gott geworfen ist, dass Er für sie sorgt.
Alles nicht so einfach hier. Wir denken schon ans Packen und Einpacken. Was müssen, wollen wir mitnehmen und was lassen wir hier? Was hierbleibt und wir wieder nutzen wollen, packen wir in unsere Tonnen – denn Eigentumsverhältnisse sind flexibel. Den Schlüssel müssen wir ja abgeben.

Während wir also ans Packen denken, hören wir Gerüchte über Unruhen für den Tag nach unserer Abreise (19.06.) – nun ja, wer verkündet denn solches schon vorher??
Dann bekommen wir mit, dass an dem Tag ein abschließender Bericht einer Kommission (von Internationaler Seite angeleiert) erwartet wird, welche die Wahlen der letzten Jahre unter die Lupe nehmen sollte: Ob alles rechtens war, ob es Unregelmäßigkeiten gab und ob politische Konsequenzen folgen sollten. Das erklärt auch die hohe Präsenz an Sicherheitskräften von Polizei und Militär, die seit Wochen in den Städten zu sehen sind.
Zwei Tage später hören wir davon, dass deshalb am 19.06. eine Ausgangssperre geplant ist. Bitte nicht. Die Lage ist eh schon schwierig, wer braucht dann noch sowas? Aber zumindest deckt es sich mit der globalen Lage – überall wird ja gezündelt und die ach so vermeintliche Sicherheit löst sich in Nichts auf. Wir hoffen, dass wir am 18.06. noch heil zum Flughafen kommen und wirklich fliegen können. Denn nun hat auch das Auswärtige Amt – diesmal ungewöhnlich früh – auf diese Situation und Möglichkeit hingewiesen.
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Landsleute,am 19. Juni soll das überparteiliche Komitee zur Wahlrechtsreform Staatspräsident Bio seinen Abschlussbericht vorlegen. In den (sozialen) Medien zirkulieren Spekulationen über und (wenige) Aufrufe zu Protesten.
Die Sicherheitskräfte haben deutlich gemacht, dass unangemeldete Demonstrationen nicht geduldet werden und ihre Präsenz, besonders in Freetown, in den vergangenen Tagen sichtbar verstärkt.
Dies hat viele Menschen verunsichert.
Wir und unsere Partner haben derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass es zum genannten oder einem anderen Zeitpunkt tatsächlich zu Ausschreitungen kommen wird.
Dennoch ist nicht auszuschließen, dass die Bewegungsfreiheit oder die Versorgungslage um den 19. Juni herum im Falle eines stillen Protests von Teilen der Bevölkerung eingeschränkt werden könnte. Die aktuellen Reparaturarbeiten am interkontinentalen Internetkabel sowie die beginnende Regenzeit können weitere Beeinträchtigungen mit sich bringen.
Vor diesem Hintergrund möchten wir noch einmal auf unsere grundsätzlichen Empfehlungen hinweisen:
- Informieren Sie sich über lokale und soziale Medien.
- Meiden Sie entstehende Menschenansammlungen und Demonstrationen.
- Folgen Sie unbedingt den Anweisungen der Sicherheitskräfte.
- Bereiten Sie sich vor, indem Sie Vorräte anlegen, die eine Versorgung für ca. 10 – 14 Tage sichern, ohne dass Sie Ihre sichere Unterkunft verlassen müssen.
- Beachten Sie unsere Reise- und Sicherheitshinweise auf http://www.diplo.de/sicherreisen
- Beobachten Sie die Lage und bleiben Sie im Zweifel in sicheren Bereichen.
Seien Sie versichert, dass wir Sie auf diesem Wege unterrichten, sollte es konkrete Hinweise auf Gefahren geben.
Ihr Team der Deutschen Botschaft Freetown

Also mal sehen – Leben in Sierra Leone ist und bleibt spannend! Wem das zu deprimierend ist: Hey, fast pünktlich zur Fußball EM sind wir wieder in D und feiern den Sieg der deutschen Nationalelf – das ist doch ein schöner Ausblick!

