Nun sind gute 10 Tage nach dem „Putschversuch“ vergangen und die Lage, so haben wir den Eindruck, hat sich sichtlich entspannt. Die offiziellen Berichte seitens der Regierung sind einheitlich dahingehend, dass eine Gruppe einen Putsch unternommen hat, auch bestehend aus Militärangehörigen, um die „demokratisch“ gewählte Regierung zu stürzen.

Dabei haben sie mehrere Militäreinrichtungen angegriffen, um in den Besitz von Waffen zu kommen, und sind damit in mehrere Gefängnisse eingedrungen, um Häftlinge zu befreien. In einem der Gefängnisse wurden über 2.000 Gefangene befreit.
Das alles passierte in den frühen Morgenstunden am Sonntag, 26.11. Es wurde sofort eine nationale Ausgangssperre angeordnet, die auf unbeschränkte Zeit existieren sollte. Alle Geschäfte, Kirchen etc. blieben geschlossen und die Menschen zu Hause. Schon am Sonntag hieß es seitens der Regierung, dass die Lage unter Kontrolle sei, die Angreifer zurückgeschlagen und Inhaftierten wieder festgenommen würden.
Sonntag gegen Mittag gab es in Jui für mehrere Stunden heftige Schießereien, die teilweise direkt hinter der Mauer des T.E.C.T. stattfanden.
In den nächsten Tagen waren gelegentlich noch Schüsse oder Schusswechsel zu hören – meist etwas entfernter.
Ab Montag wurde die Ausgangssperre täglich in der Zeit von 6-21 Uhr aufgehoben, nachts ist sie nach wie vor in Kraft.
Auch die Schule gab bekannt, dass sie ab Dienstag ihren Betrieb wieder aufnimmt, jedoch eine Stunde eher endet als normalerweise. Da es die erste von zwei Prüfungswochen von Nathanael war, machten wir uns am Dienstagmorgen wie gewohnt auf den Weg. Die einheimischen Kinder sind teilweise nach dem Putschversuchs noch ein-zwei Tag zu Hause geblieben und besuchen keine Schule mehr. Zu groß ist die Angst der Eltern.
Es war angekündigt, dass es die nächsten zwei Wochen zusätzliche Checkpoints durch das Militär geben würde, um Flüchtige in Gewahrsam zu nehmen. So machten wir uns auf eine längere Fahrzeit gefasst.

Im Laufe des Dienstags stellten wir fest, dass Jui ein Knotenpunkt zwischen den Provinzen und der Stadt Freetown ist und somit schwerpunktmäßig um Jui herum Checkpoints eingerichtet wurden. Darüber hinaus sahen wir keine.
An den Checkpoints ging es, wie üblich, interessant chaotisch her. Es war immer nur ein Fahrstreifen (für beide Seiten) durch Sperren geöffnet. Die Autos mussten anhalten, aus sämtlichen Taxis die Fahrgäste vor dem Checkpoint aussteigen, um nach dem Checkpoint wieder an Bord zu gehen. Wir haben kaum gesehen, dass irgendwelche ID-Karten oder Personalausweise gezeigt werden mussten. Allerdings schauten die Soldaten ins Innere der Fahrzeuge, checkten Kofferräume und die darin enthaltenen Taschen. Es müssen also auch kleine Menschen verschwunden sein ….
Was wir vorher schon wahrgenommen haben, aber uns nun wirklich überrascht hat, wie viele Personen in so einen 9-Sitzer Taxi passen?!

Wir haben gedacht, dass auf jeder Sitzbank statt der drei Personen vier sitzen. Aber aus diesen Fahrzeugen stiegen ungelogen fast 20 Personen – es war wirklich spannend zu verfolgen. Die Sitzbänke wurden entfernt und durch Holzschemel oder andere Dinge ersetzt. Eine richtig kuschelige Angelegenheit.
Da Christina eine Anfrage erhalten hat, auf einer Konferenz in den Provinzen als eine der Rednerinnen teilzunehmen, ist für uns die Transportfrage interessant. Zum Austragungsort kann man nicht hin und wieder zurück an einem Tag fahren. Um den Schulbesuch von Nathanael zu gewährleisten, wird Ralf mit Nathanael in Jui bleiben.
Er schlug vor, Christina solle sich ein Taxi oder Auto für den Transport bestellen. Das ist zwar erheblich teurer, aber angesichts der Transportumstände sicher entspannter. Sie möchte aber gerne mit den Öffentlichen fahren. Nun ja…
So erkundigten wir uns, was das bedeutet und zu erwarten ist. Wenn man ein PKW Taxi nimmt ist es teurer. Vorne neben dem Fahrer sitzen zwei und hinten dann mind. vier Personen. In den 9-Sitzern sitzen vorne mind. zwei und in den Reihen dahinter mind. fünf Personen.
Die großen Busse allerdings (Reisebusse) haben Sitze für eine Person, allerdings gibt es dann auch genug Stehmöglichkeiten. Das Gute ist, dass ein ihr gut bekannter Student Christina zur Konferenz begleiten wird und sich auch um die Transportfrage kümmert.

Aber zurück. Nachdem die ersten beiden Tage der gleiche Ablauf zu erleben war, wurde es im Laufe der Woche zusehends weniger. Die Checkpoints, welche mind. zwei Wochen Bestand haben sollten, waren kaum oder gar nicht mehr besetzt. Gegen Ende der Woche war überhaupt nichts mehr an Kontrolle zu sehen und auch das gelegentliche Schießen war vorüber.
Einzig die nationale Ausgangssperre bleibt in der Zeit von 21 – 6 Uhr bestehen. Dies aber ist für Internationale schon ein Thema, da etliche Flieger am frühen Abend (Air Brüssel / Turkish Airline) oder später (Air Maroc / African Airline) in Lungi landen. Problematisch, weil bis man ausgecheckt, bei und mit Seacoach nach Freetown übergesetzt hat und sich mit dem Auto auf den Heimweg machen kann, ist es nach 21 Uhr und dann darf man nicht mehr unterwegs sein. Also muss man entweder auf dem Flughafen oder nahe Seacoach in einem Hotel übernachten.
Wie lange diese Ausgangssperre anhalten wird, weiß keiner. Was für uns interessant erscheint, neben der Tatsache dass bei den Checkpoints kaum Personen- sondern Fahrzeugkontrollen durchgeführt wurden, ist die wiederholte Aussage, die Lage sei unter Kontrolle ohne wirkliche Hintergründe oder Fakten zu nennen.

Zu den aufständischen Personen wird kaum Stellung bezogen, außer dass sie Feinde der „demokratisch“ gewählten Regierung sind. Eine bewusst gewählte Formulierung, da es landesintern und durch internationale Wahlbeobachter erhebliche Anfragen an die Transparenz dieser Wahlen gegeben hat, mit deutlichen Folgen und Forderung der Internationalen an die Regierung. Eine Forderung war wohl auch, Personen, die während und im Nachgang zu den Wahlen verhaftet und eingesperrt wurden, frei zu lassen bzw. über ihr ergehen Rechenschaft zu geben.

Nun geht das Gerücht um, dass es gar kein Putsch gewesen war, sondern eine Möglichkeit der Regierung, Gefangene loszuwerden. Gerade die politisch Gefangenen sollen nämlich sämtliche bei der „Befreiung“ der Gefängnisse ums Leben gekommen sein. Zudem scheinen Gefängnisse und Insassen die einzigen Ziele. dieser Aktion gewesen zu sein. Somit muß die Regierung keine ungewollten Forderungen erfüllen, die „Demokratie“ feindlichen Kräfte haben dafür gesorgt.
Somit auch nicht verwunderlich, wenn von den über 2.000 entflohenen Gefangenen gerade mal 20 Personen wieder inhaftiert wurden. Zudem an den Kontrollen, weniger Personen als Gegenstände vlt. Waffen gesucht werden ….
Was da aber dran ist an solchen Gerüchten oder Aussagen, wissen wir nicht. Aber manches, was passiert und wir hier wahrnehmen, ist eigenartig.
Es herrscht hier ein autoritäres System. Leiter sind unantastbar. Selbst Lüge, Betrug und Amtsmissbrauch dürfen nicht in Frage gestellt werden. Das ist kulturelles Verständnis – was vielleicht nicht jeder so sagen würde, aber viele so leben!
Wir haben den Eindruck, diese heftigen und undurchsichtigen Tage gehen ihrem Ende entgegen. Es ist deutlich ruhiger geworden und die Normalität kehrt ein. Die Menschen hier sehnen sich nach Frieden und wollen und müssen ihrem gewohnten Alltag nachgehen. Es normalisiert sich zusehends. Wie es auf längere Sicht weiter geht, kann keiner sagen – zu viele Probleme – Nöte und Armut. Und wie gesagt, ob eine andere Regierung daran etwas ändern könnte bei all dem – ist nur schwer vorzustellen.
