Manch einer kennt dieses Worshiplied „Mein Retter, Erlöser“ ….? Wir auch und doch sind uns die Worte und Bedeutung nun auf einer ganz anderen Ebene begegnet.

Dass wir vermisst und erwartet wurden, hatten wir schon während der ganzen Zeit unseres Heimataufenthaltes gehört und gelesen. Nun in Sierra Leone konnten wir das in den ersten Tagen und Begegnungen sehr deutlich spüren. Es waren nicht wenige besorgt, ob wir überhaupt wieder zurückkommen würden – auch das konnten wir hören und so hieß es auch immer wieder: „Danke das ihr zurück gekommen seid!“
Natürlich wissen sie um das Wohlstands-Leben und das gelobte Land, aus dem wir kommen mit all dem was dazu gehört. Und natürlich sind ihnen der Unterschied und der „Abstieg“ bewusst – wer will so etwas schon freiwillig aufgeben?!
Die Nöte, Defizite, der tägliche Kampf ums Überleben in Sierra Leone – warum sollte man das auf sich nehmen, wenn man nicht muss?
Von dem, was wir in den drei Monaten über Freunde, Gruppen und soziale Medien erfahren haben, war uns vorab deutlich, dass sich die Situation vor Ort weiter verschlechtert hat. Die Währung fällt weiter. Preise steigen und ein Ende dieser Spirale ist nicht in Sicht.

Im Mai haben wir für einen Liter Diesel noch 21 Leones bezahlt. Jetzt sind es 30 Leones und nächste Woche soll es auf 35 Leones steigen. Strom kostete bereits mehr und wird in den nächsten Wochen noch mal steigen – dazu gleich mehr.
Auch viele Lebensmittel sind teurer geworden. Wie sollen alle, die vorher schon kaum etwas hatten, nun zurechtkommen – das geht doch gar nicht?! Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, was das für uns bedeuten kann oder wird.
Einen ersten Eindruck bekamen wir, als wir von Amado bei SeaCoach in Empfang genommen wurden. Wie reagiert man, wenn man mit den Worten „my Saviour“ (mein Retter) begrüßt wird? Wir waren verunsichert oder geschockt. Der dezente Hinweis, dass dieser Titel und diese Rolle schon besetzt ist und man selbst „nur“ dessen Diener – Mitarbeiter ist, brachte ein müdes Lächeln.
Ein Pastor aus den Provinzen begrüßte Christina mit der Nachricht – „my Reedemer is back“ (mein Erlöser ist zurück). Auch hier der deutliche Hinweis – das wir es nicht sind.
Sicher, da steckt viel Freude und Dankbarkeit drin, einander wieder zu sehen. Aber eben auch viel mehr. Worte, die eine Erwartung oder Hoffnung ausdrücken. Letztlich die bittere Erkenntnis: wir schaffen es nicht, wir brauchen Hilfe. Woher kommt meine Hilfe?

So gut es eben geht, ist es für uns eine Möglichkeit, auf den zu weisen, der sieht, der weiß, der kann. Dennoch begegnet uns all das direkt und so müssen wir eben sehen, was möglich ist und was nicht – wo Gott uns gebrauchen will und wo unsere Grenzen sind.
Bereits seit Januar haben wir wahrgenommen, dass die Anfragen nach Hilfe für einfach alles – aber vor allem Essen – zugenommen haben. Im weiteren Verlauf war es bis Mai sehr anstrengend – ja überfordernd mit all den Anfragen, Nöten und Leid konfrontiert zu werden. So war für manch einen der Heimataufenthalt ein segensreicher Abstand. Wenn da nur nicht die wundersame Technik wäre, die einen nicht Abstand nehmen lässt.
Aber natürlich, wenn Menschen keine Arbeit finden – kein Gehalt bekommen – kein Geld haben – kein Essen kaufen – dem täglichen Leben mit all seinen Anforderungen nicht begegnen können – was bleibt dann?
Unendliche viele Menschen haben auf die Wahlen gehofft und damit auf Änderung. Ob aber ein neuer Präsident oder Regierung so einfach etwas daran ändern kann, ist ohnehin fraglich?
Es gehört ja schon zur politischen Wirklichkeit, das Wahlen v.a. verlorene angezweifelt und nicht anerkennen werden. Hier allerdings stimmen die internationalen Beobachter zu. Diese Wahlen waren weder fair, transparent noch gerecht. Im Vorfeld wurden Stimmabgaben manipuliert – Präsident nahe Ortschaften erhielten die Möglichkeit zwei Stimmen abzugeben. Präsident Ferne gar nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen. Am Wahltag waren nicht überall Wahllokale vorhanden – da öffentlicher Transport kostet – ein Wählen schwierig oder nicht möglich. Bei der Auszählung stimmten die Stimmauswertungen vor Ort nicht mit den öffentlichen Bekanntgaben zusammen. Zum Teil waren abgegebenen Wahlurnen unverschlossen oder offensichtlich manipuliert.
Rückfragen – Aufdeckung der Unterlagen – Nachweise waren und sind unerwünscht. Der Präsident ist weder gewillt mit den anderen Parteien noch mit den Internationalen zusammen zu arbeite. Nun soll der Präsident abdanken und oder neue Wahlen anordnen – auweia ….
Auch das wird abgelehnt und so wurde beschlossen, die internationalen Gelder für Subventionierung von Öl, Reis, etc. einzubehalten – und genau das hat zu den deutlichen Preissteigerungen geführt.
Mit Sorge hören und beobachten wir diese Entwicklung, im Wissen, die überwiegende Bevölkerung konnte und kann diese Entwicklung nicht tragen.

Wir hören, dass die Regierung vielen seiner Angestellten schon länger kein Gehalt mehr ausbezahlt. Die Arbeitslosigkeit liegt mittlerweile bei über 60%. Aufgrund der gestiegenen Spritpreise sind deutlich weniger Taxis unterwegs bzw. immer weniger können sich Beförderung leisten – wie also zur Arbeit – Schule etc. kommen?
Die Frau von Steven, einem unserer Security Kräfte arbeitete als Krankenschwester in einem der hiesigen Krankenhäuser – nun nicht mehr. Nach dem sie wochenlang keinen Lohn erhalten hat, hat sie aufgegeben. Damit ist sie kein Einzelfall. Wie aber und wo einen neuen Job finden?? An einem Tag hat Ralf vier Angebote erhalten, das Auto zu waschen – regelmässig – einen Vertrag machen – ein Job eben um etwas Geld zu verdienen. Hast Du eine Arbeit für mich?, ist eine Frage, die nun öfter an uns gestellt wird.

In Lunsar, erzählte uns ein Pastor, gibt es schon länger gar keinen Strom mehr. Die städtische Stromversorgung läuft ausschließlich nur über Generatoren, welche Benzin oder Diesel benötigen. Dies ist zu teuer und so gibt es eben keinen Strom mehr. Wohl dem, der einen eigenen Generator hat und diesen füllen kann oder Solarpanels auf dem Dach.
Wir dachten ja schon vorher, dass EDSA (staatliche Stromversorgung in Freetown) ätzend ist – weil mehr weg als da. Doch schlimmer geht immer, erleben wir gerade. Dabei ist doch gerade Regenzeit, die beste Zeit um Strom durch die stromerzeugenden Schiffe zu produzieren. Warum also fällt tagelang der Strom aus?
Der Großteil der Stromversorgung Freetowns und Umgebung findet durch Tanker auf See statt (80%). Diese gehören den Türken. Es sollen sich mittlerweile 40 Millionen Dollar Schulden angehäuft haben, so haben wir gelesen, die Sierra Leone an den türkischen Betreiber hat und nicht zahlt. Also wird einfach die Stromproduktion eingestellt.

Wir sind es Leid – wir Leiden – keine Gewalt!
Am Montag (11.09.) sollte eigentlich die Schule von Nathanael starten. Nun wurde am Samstagabend der Start auf Dienstag verschoben. Es haben sich Demonstrationen angesagt um gegen die amtierende Regierung und den Präsidenten und die Lage zu demonstrieren.
Die Regierung ist an Aufarbeitung, Offenlegung und Klärung nicht interessiert. Nicht interessiert am ergehen der eigenen Bevölkerung. So verbietet sie einfach sich zu versammeln oder zu demonstrieren – wird es dennoch getan, muß man mit militärischen oder polizeilichen Konsequenzen rechnen. Wie aber sich Gehör schaffen – wie auf das Leid und Elend Aufmerksam machen? Was bleibt, sind frustrierte, hilflose und erhitzte Gemüter. Das geht durch alle Schichten und Gebiete.
Auf der anderen Seite werden Fake News produziert und von vielen fröhlich weitergegeben, der Präsident müsse sich in Den Haag vor dem internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen verantworten. Das schafft Stimmung in einem Land, in dem es eh schon brodelt.
Und so gab es Demonstrationen und an nicht wenigen Orten kam es zu Ausschreitungen – Chaos – Gewalt und Toten.
„My Savior“ – wird vielleicht dadurch etwas verständlich, weil Menschen ihre Hoffnung auf das richten, was von außen kommt – zu groß die Erkenntnis und Erfahrung, das sie von den Mächtigen im eigenen Land vergessen wurden und sich selbst überlassen sind.
Dennoch – bei allem Verstehen bleibt es dabei, auf den zu verweisen, dem keine Grenzen gesetzt sind – der sieht, der weiß – der hört und helfen kann! So suchen wir uns immer wieder an Psalm 121 zu orientieren und verweisen auf den, der wahrhaftig Retter und Hilfe ist!
Gleichzeitig ist es für uns ein starkes Zeugnis, wie diese notleidenden Menschen trotz aller Drangsal immer noch ein Lachen finden und ein ermutigendes Wort für andere haben und ihr Leben aktiv gestalten.
Wie sie ihr Land lieben und für die Menschen und auch die Regierung beten. So auch wir! Wir beten für dieses Land, das dringend Gottes Fürsorge und Schutz braucht, damit das Böse nicht die Oberhand gewinnt. Denn wo Not und Leid sind, entsteht Druck. Und dieser wird nicht selten erstmal nach unten weitergegeben – Untergebene – Frauen – Kinder – Tiere.

Wie gut, das es den Retter und Erlöser wirklich gibt und der wahrhaftig hier ist – mitten unter den Menschen – er lebt, regiert und hilft! Auch durch etliche Menschen und ihren Gebeten – Danke. Das spüren wir vor Ort sehr deutlich.